Tagung in Berlin: AIDS geht jeden an (6. und 7. November 1986)




„AIDS geht jeden an“ – Berlins Gesundheitssenator Ulf Fink hatte zu dieser Tagung, die mit Unterstützung des Bundes­ge­sund­heit­sministeriums und in Zusam­menarbeit mit der Deut­schen AIDS-Hilfe (DAH) veranstaltet wurde, eingeladen. Etwa 800 Teilnehmer, Fachleute und interessierte Laien, kamen nach Ber­lin und konnten sich so bei aus aller Welt angereisten Experten über den neuesten Stand der AIDS-For­schung informieren und Lösungs­ansätze zur Bewältigung der mit AIDS auftretenden psychosozialen und sexualwissenschaftlichen Probleme erarbeiten.

Letzteres geschah in 18 Arbeitsgruppen, die jeweils verschiedene Aspekte von AIDS untersuchten.

Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth
Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth

Das wohl wichtigste politische Bekenntnis dieser Tagung ist die Erklärung, dass Meldepflicht und Zwangsmaßnahmen der falsche Weg zur Bekämpfung von AIDS seien. Bundes­gesundheitsministerin Rita Süssmuth und der einladende Berliner Gesund­heitssenator Ulf Fink, der auch für seine Amtskollegen aus den Bundes­ländern sprach, waren sich in dieser Einschätzung mit dem Plenum einig.
Statt Meldepflicht und Zwangsmaßnahmen sei vielmehr eine umfassende Auf­klärung aller Bevölkerungs­gruppen notwendig, weil es keine andere Mög­lichkeit zur wirk­samen Be­kämpfung von AIDS gebe.
Dieses liberale Klima, in dem die oberen Etagen von Politik und Wissen­schaft in Zusammen­arbeit mit AIDS-Hilfen und Beratungs­stellen die Krank­heit bekämpfen wollen, ist aber noch nicht überall ausgebrochen, wie auch auf der Tagung zuge­geben wurde.

Denn auch für restriktive Maßnahmen gebe es eine legale Grund­lage, erläuterte der Bremer Richter am Amts­gericht Günter Schulz das Bundes­seuchengesetz. So sei es ohne weiteres juristisch denkbar, den Pflicht test für Hauptrisikogruppen einzuführen. Auch so absurde Maß­nahmen wie die Verpflichtung von Eltern HIV-positiver Kinder, dies der Schule zu melden, vor allem aber auch eine Offenlegungspflicht für HIV-Positive, die ihren Zahnarzt, ihren Arbeitgeber usw. über ein positives Test­ergebnis ìnformieren müssten, hält Schulz für durchaus im Rahmen des Möglichen. Dass dies im Plenum nicht gern gehört wurde, ist wohl klar; jedenfalls sollte man für diese Ausführungen schon allein deshalb dankbar sein, weil man sie als Warnung verstehen muss, wie sich Juristen (angeblich habe er aus seinem Kollegenkreis noch keine Kritik oder abweichende Meinung vernommen, so Schulz) eine AIDS-Bekämpfung vorstellen können.
Das auch politische Kräfte solche Vorstellungen entwickeln oder übernehmen können, ist uns Münchnern ja wohlbekannt.

„Opfer werden hier zu Tätern gemacht“, kommentierte Ian Schäfer, Vorstand der DAH, diese Thesen. Prof. Manfred Steinbach, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, der noch vor wenigen Jahren für eine der Münchner Politik nicht unähnliche Linie bekannt war, schlug im Anschluss an die Tagung auf einer Pressekonferenz vor, die von Schulz geschilderten Auswüchse zu vermeiden, indem man im Bundesseuchengesetz eine AIDS-Erkrankungen
ausschließende Bestimmung einarbeite.

Zwar gebe es immer noch die Tatsache, dass in der Bevölkerung bis zu 90 % eher die Forderung nach Zwangsmaßnahmen unterstützen würden. Dies wäre aber in Angst und Unwissenheit begründet. Hier sei noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Entscheidend sei, der Meinung entgegenzutreten, dass durch eine Meldung der Krankheit ein Schutz für andere entstehen könnte. Während der “Pro und Contra “-Sendung Ende Oktober sei es ihm gelungen innerhalb von 10 Minuten 10 % der Zuschauer davon zu überzeugen, erklärte Steinbach.

Auch der Begriff der “Risikogruppen“ spielt hier eine Rolle. Allzu leicht und oft werden die Angehörigen dieser Gruppen als Risiko für (noch) nicht Betroffene betrachte (und behandelt), statt als besonders gefährdet. Auch an diesem Punkt muss die Aufklärung ansetzen.

Prof. Erwin J. Haeberle
Prof. Erwin J. Haeberle

Das AIDS aber nicht mehr nur ein Problem sogenannter Risikogruppen ist, war auch eines der Ergebnisse der Tagung. Zunächst wurde von Prof. Erwin J. Haeberle aus San Francisco, bei uns nicht zuletzt durch seinen Sexual-Atlas bekannt, und Prof. Luc Montagnier, dem französischen Entdecker des HIV-Virus, eindringlich die Gefährdung der Gesamtbevölkerung dargelegt. Hier wurden bisexuelle Männer, Prostituierte und deren Kunden, aber auch Sextouristen, als zunächst besonders gefährdet und als Einstiegsmöglichkeiten für das Virus genannt. Da alle gefährdet sind, muss sich eine Aufklärung auch an alle wenden. Eine Aufklärung der Bevölkerung ist aber schon deshalb schwierig, weil sie Verhaltensänderungen im sexuellen Bereich bei allen Bürgern zum Ziel haben muss.

Der Berliner Senat hat als Konsequenz aus dieser Erkenntnis eine umfassende Aufklärungskampagne vorgestellt, die zugleich mit Tagungsbeginn gestartet wurde. In Anzeigen in allen Berliner Tageszeitungen (s. auch abgedrucktes Beispiel), auf Plakaten, in Kurzfilmen für Kino und Fernsehen, Hörfunkspots und durch Telefonservice wirbt der Berliner Senat nun für Kondome und Safer Sex.

Daneben existieren auch noch Arbeitsunterlagen für den Schulunterricht und verschiedene zielgruppenorientierte Informationsblätter, z.B. für Taxifahrer, Hotel-Portiers usw., die sie an ihre Kunden verteilen sollen (um z.B. Freier von Prostituierten zu erreichen). Die Kampagne, für die insgesamt 300.000 DM zur Verfügung gestellt werden, ist gemeinsam mit der DAH und der Berliner AIDS-Hilfe, die Teile der Kampagne selbst durchführt, erarbeitet worden. Für andere Bundesländer ist dies sicherlich ein nachahmenswertes Beispiel.

Nicht einig war man sich in Berlin über die Einschätzung des HIV-Antikörpertests. Der Leiter des Berliner Landesinstituts für Tropenmedizin und der Sondereinheit AIDS des Berliner Senats, Prof. Ulrich Bienzle, hält die Testergebnisse als Grundlage für gesundheitliche Maßnahmen und die epidemiologische Forschung für unentbehrlich, verlangt aber dazu eine psychosoziale Betreuung.

Die Politiker befürworteten den Test, solange er freiwillig und als Hilfe für den Einzelnen, der im Ungewissen ist, durchgeführt werde. Ian Schäfer: “Wenn jemand keinerlei Symptome hat, ist der Test nicht zu empfehlen; es gibt keine Heilung und jeder Positive ist seinen Ängsten und Repressionen von außen ausgesetzt. Als sinnlose Maßnahme ist der Test sogar ein ärztlicher Kunstfehler. Jeder muss sich so verhalten, als sei er positiv und entsprechend jedes Risiko, andere anzustecken, vermeiden“. Der Test könne höchstens als Bestätigung oder Ausschluss in der Diagnose für Menschen mit entsprechenden Symptomen in Frage kommen.

So hat die Tagung also eine schöne Einigkeit unter allen Be­teiligten hergestellt, für man sich nur er hoff en kann, daß sie auf die Öffentliche Meinung in der Bundesrepublik eine dem Aufwand der Tagung ent sprechende Wirkung hat.


Astrid Neumüller (Bundes­ministerium für Gesundheit und Umweltschutz, Wien)

In Österreich, so Astrid Neumüller vom Bundes­ministerium für Gesundheit und Umweltschutz in Wien, wurde ein spezielles AIDS-Gesetz qeschaffen, wie es auch für andere Krankheiten existiert. Hierin ist eine Meldepflicht („anonymisiert“ – Initialen, Geburts­datum, Geschlecht sowie einige medizinische Daten werden registriert) sowie eine regelmäßige Zwangstestung für professionelle Prostituierte vorgesehen.

Letzteren wird sogar die Pflicht auferlegt, einen „AIDS-Pass“ mitzuführen, der im Falle eines positiven Testergebnisses wieder eingezogen wird (was einem Berufsverbot gleichkommt).

Der Nutzen scheint aber gerade hierbei fragwürdig. Immerhin schützt das AIDS-Gesetz vor Zwangsmaßnahmen wie „Absonderung, Verkehrsbeschränkung, Berufsverbot“ usw., die bei Anwendung des österreichischen Epidemie- oder Geschlechtskrankheitengesetzes möglich wären.


Nachtrag 2010:

Einige meiner Fotos sind auch im Jahresbericht 2007/2008 der Deutschen AIDS-Hilfe abgedruckt.


Originalunterlagen aus 1986

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.