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Zug der Erinnerung

Ausstellungsplakat

Ausstellungsplakat

Der Zug der Erinnerung ist gestern, am Montag, dem 27.04.2009, in München eingetroffen. Der Zug der Erinnerung, das ist eine restaurierte Dampflok mit drei Ausstellungs-Waggons in denen mit beispielhaften Biographien die Geschichte der Europa-weiten Deportationen der Nazis erzählt wird.

Deportationen von Kindern, die gewaltsam aus Ihrer vertrauten Umgebung gerissen – viele von Ihren Familien getrennt – auf eine Reise geschickt worden sind, von der sie nicht wieder zurückkehren sollten.

“Nach den Unterlagen des Münchner Stadtarchivs befanden sich insgesamt 312 Kinder und Jugendliche aus München allein unter den Opfern der Shoa, die jüngste war Judith Kaan, zum Zeitpunkt der Deportation 15 Monate alt, in Kaunas ermordet am 25. November 1941″, sagte Oberbürgermeister Christian Ude. Er ist Schirmherr der Ausstellung am Gleis 35 des Münchner Hauptbahnhofes und begrüßte den Zug gestern Mittag.

Ca. 120 Personen waren anwesend, darunter diplomatische Vertreter einiger Länder, aus denen deportiert worden ist. Auch einige Münchner Stadträte und Bundestagsabgeordnete von SPD, FDP und der LINKEN namen an der Veranstaltung teil, neben weiteren Interessierten und überraschten Reisenden.

Münchens OB Christian Ude

Münchens OB Christian Ude

Christian Ude: “Dieses Projekt hier ist bei den vielen Erinnerungs-Arbeits-Projekten wohl das erste, das Kinder und Jugendliche besonders in den Fokus nimmt. Natürlich sehr viele Kinder jüdischer Abstammung, die die größte Opfergruppe waren. Aber genau so Kinder aus Sinti- und Roma-Familien und Kinder von Gegnern des NS-Terrorregimes, ob es Gewerkschafter, Sozialdemokraten oder Kommunisten gewesen sind. Die Verfolgung und Vernichtung hat sich immer auch auf die Kinder bezogen.”

Deutschland während der NS-Zeit: Die Geheime Staatspolizei holt auch Kinder und Jugendliche aus Schulen oder von zuhause ab, treibt sie – mit oder ohne Verwandte – auf Bahnhöfe und lässt sie, bewacht von Soldaten oder SS, durch die Deutsche Reichsbahn nach dem Osten bringen. Tausende Züge, aus ganz Europa, sind unterwegs.

Der Eingang zur Ausstellung ist am Ende des letzten Waggons

Der Eingang zur Ausstellung ist am Ende des letzten Waggons

Insgesamt deportieren die NS-Behörden von Oktober 1940 bis Dezember 1944 mehrere hunderttausend Kinder. Genaues weiß man nicht, Schätzungen sprechen von mehr als einer Million.

Auch Hermann Höllenreiner wurde als Kind mit einem dieser Züge in den Osten verfrachtet: “Ich selber bin in dem Zug gewesen; mit 45 Verwandten und Bekannten waren wir da drin. Und dann sind wir da weg gekommen, nicht vom Hauptbahnhof sondern vom Güterbahnhof. Und in so einem Waggon waren wir 45 Personen. Da haben die Frauen, die Männer, nicht mehr halten können, alles in die Hose gemacht. Und bei uns war das so Sitte – ich bin ja Sinto, gell – die alten Frauen und Kinder, wenn eine ihr Geschäft gemacht hat, auf Deutsch gesagt, sind ohnmächtig geworden. Kinder sind krank geworden in dem Zug. Jede 200 km oder 100 km, ich weiß es nicht mehr, kam die SS und hat die Dinger aufgemacht und haben dann Wasser hineingespritzt.

Hermann Höllenreiner in der Ausstellung

Hermann Höllenreiner in der Ausstellung

Frage: Wohin sollten Sie gebracht werden?

Nach Auschwitz. Aber wir haben nicht gewußt, dass das Auschwitz ist, sondern sie haben gesagt, wir kriegen dort Arbeit, unsere Eltern. In Polen Arbeit.

Frage: Wie alt waren Sie damals?

10 Jahre.

Frage: Wie ist es Ihrer Familie ergangen dort?

Das Schlechteste was es gegeben hat: Von uns sind 36 Personen vergast worden, von der Mama-Seite sind über 100 vergast worden, weil sie ein bissl jüdischer Abstammung war.”

In der Ausstellung im Zug der Erinnerung finden sich Fotos deportierter Kinder und ihrer Familien. Persönliche Andenken, die aus einem gewöhnlichen Fotoalbum stammen könnten, Briefe und andere Dokumente ihres letzen Weges, das Lächeln der Kindheit, der Optimismus der Jugend.

Hermann Höllenreiner über den Zug der Erinnerung: “Ich finde das ganz gut, dass das Volk mal weiß, was wir mitgemacht haben.

Ich war jetzt drin, ich bin aber gleich wieder raus, weil ich das nicht schaff’, das anzuschauen. Weil, da kommen gleich die ganzen Gedanken: Da sind Fotos von meiner Tante, die vergast worden ist, die ist … die ganze Familie ist …

Ja, wenn ich den Zug seh’, dann fang ich das Zittern an.”

“Dieser Zug ist ein Projekt von Menschen, die nicht in Anspruch nehmen können, das sie eine jüdische Großmutter oder ein antifaschistischer Kämpfer vor der Veranwortung bewahrt, die wir auch tragen, wenn wir nur – und lediglich – die Söhne und Töchter von ‘ganz normalen’ Deutschen sind.” Das sagt Hans-Rüdiger Minow vom Verein Zug der Erinnerung e.V., ein gemeinnütziger Zusammenschluss privater Bürgerinitiativen.

Hans-Rüdiger Minow vom Verein Zug der Erinnerung e.V.

Hans-Rüdiger Minow vom Verein Zug der Erinnerung e.V.

“Ich will Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, die sich heute morgen zugetragen hat und die auf diese betrübliche Tatsache hinweist, dass die Deutsche Bahn AG unser Gedenken hier auf diesem Bahnhof in minütlichem Takt mit viel Geld belegt: Pro Stunde Gedenken müssen wir 45 Euro zahlen. An diesem heutigen Abend wird der Verein über 1000 Euro losgeworden sein, nur dafür, dass dieser Zug hier steht.

Es sind inzwischen über 150.000 Euro, die wir der Deutschen Bahn AG haben zahlen müssen. Wir haben dieses Geld nicht. Es ist die Großzügikeit der einladenen Städte, in diesem Fall der Stadt München und vieler, vieler tausend Menschen. Besucherinnen und Besucher, die in den Zug kommen, die mit kleinen Beiträgen dazu beitragen, dass der Zug überhaupt verkehren kann.”

Neben dieser Standgebühr von 45 Euro pro Stunde verlangt die Deutsche Bahn AG für jeden gefahrenen Schienenkilometer rund 3 Euro 50. Insgesamt entstehen dem Verein so pro Ausstellungstag mindestens 4000 Euro Kosten. Lok, Logistik und Ausstellungsbegleitung eingerechnet.
Die Stadt München unterstützt den Aufenthalt im Münchner Hauptbahnhof mit 20.000 Euro.

Noch einmal Hans-Rüdiger Minow: “Gestern war der Zug in Kaufering, wo eine Einweihung eines Denkmals stattfand für die Opfer des Aussenlagers Dachau, dass sich in Kaufering befand. Der Zug musste von Kaufering nach München. Der Zug fährt von selbst, er steht unter Dampf. Aber er konnte gestern nicht fahren, weil die Waldbrandgefahr zu hoch war. Es gibt ‘ne sogenannte Waldbrandstufe so und so und ab dieser Waldbrandstufe darf der Zug nicht verkehren.

Wir waren also darauf angewiesen, dass ein Bahnunternehmen, gleich welcher Art, den Zug mit einer Diesellok nach München zieht und hier auf dieses Gleis stellt.

Ich freu’ mich – und das rührt mich sehr an – dass sich gestern Abend ein privates Bahnunternehmen, dass hier auch, auf Ihrem Bahnhof, vertreten ist, die Bayerische Oberlandbahn zur Verfügung gestellt hat. Das ist das eine.

Das andere ist, dass ich heute morgen mit dem Herrn Seeger von der BOB telefoniert habe. Er hat nicht nur gesagt: ‘Das ist doch selbstverständlich!’ – was man in solchen Augenblicken sagt, wenn man einer Sache mit Sympathie gegenüber steht. Sonder er hat was gesagt, was mich sehr anrührt. Er hat gesagt: Wir sind in der dritten Generation Menschen, die Bahnbetrieb leisten. Ich weiß nicht, was meine Väter oder Großväter auf dem Haken hatter, so hat er sich ausgedrückt, in der Zeit in der die Kinder und Jugendlichen deportiert worden sind.

Ich, hat er gesagt, habe keine Schuld. Aber ich habe eine Verantwortung. Und ich bin stellvertretend für alle anderen die diese Verantwortung nicht sehen, obwohl sie ein großes Staatsunternehmen leiten, dass sich Deutsche Bahn AG nennt. Ich bin der Bayerischen Oberlandbahn aus tiefem Herzen dankbar, dass sie mit dieser Motivation es ermöglicht hat, dass der Zug hier stehen kann. Herzlichen Dank.”

Hugo Höllenreiner, Margot Kleinberger, Hermann Höllenreiner (v.l.n.r.)

Hugo Höllenreiner, Margot Kleinberger, Hermann Höllenreiner (v.l.n.r.)

Im Namen von Charlotte Knobloch, der Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, die nicht persönlich anwesend sein konnte, verlas gestern bei der offziellen Begrüßung des Zuges in München die Zeitzeugin Margot Kleinberger, die selbst die Schrecken der Deportation und den Mißbrauch als medizinisches Versuchsobjekt überlebt hat, ein Grußwort:

“Der Zug der Erinnerung (…) wirft die Frage auf, wer diese Kinder und Jugendlichen waren, was wir über sie wissen. Das Projekt wirft aber auch die Frage auf, was wäre aus Ihnen unter anderen Umständen geworden? Ganz bewußt werden in den Waggons nicht Bilder des Schreckens sondern Bilder aus besseren Zeiten gezeigt. Bilder, auf denen fröhliche Kinder zu sehen sind, deren Augen noch den kindlichen Optimismus ausstrahlen. Bilder aus Familienalben, über die sich der Betrachter freue, mit denen er sich identifizieren kann.

(…) Durch das Wachhalten der Erinnerung an die Namen und die Biographien der einzelnen Kinder und Jugendlichen werden ihre tragischen Schicksale vor dem Vergessen bewahrt. Schicksale, die gerade die heutige junge Generation dazu bewegen sollten, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, das Gedenken an die Opfer der Shoah wach zu halten und die Verantwortung für die Zukunft der jüdischen Bürger dieses Landes zu übernehmen (…) denn das Geschehene darf sich nie mehr wieder holen. Nie mehr!”

Der Zug der Erinnerung steht im Münchner Hauptbahnhof auf Gleis 35. Das ist auf den Gleisen ganz hinten rechts im Bereich des ehemaligen Starnberger Flügelbahnhofes.

Auch auf dem Bahnsteig sind Stellwände aufgebaut mit Infos speziell zu aus München Deportierten. Der Zug der Erinnerung wird diese Fotos und Lebensberichte mitnehmen. Im letzen Waggon ist noch Platz reserviert für weiteres Material, Tafeln, die von Schulen und anderen Organisationen und Interessierten bei weiteren Aufenthalten nach und nach gefüllt werden sollen. Im Zug befindet sich auch eine Handbibliothek und ein Computer für weitere Recherchen.

Die Ausstellung im Zug der Erinnerung ist noch bis zum Sonntag, dem 3. Mai, täglich von 8:30 bis 19 Uhr zu besichtigen. Im Münchner Hauptbahnhof auf Gleis 35. Der Eintritt ist frei, freiwillige Spenden werden gerne entgegen genommen.

Und abschließend noch ein Hinweis auf die Webseite zur Ausstellung: www.zug-der-erinnerung.eu, dort findet sich Material aus und über die Ausstellung und auch ein Fahrplan. Nach München wird der Zug ab dem 4. Mai beispielsweise 3 Tage in Regensburg zu besichtigen sein.

Vielleicht interessiert es Sie, dass über das Schicksal von Hugo und Hermann Höllenreiner, der eben in dem Beitrag zu Wort kam, vor kurzem ein Buch erschienen ist: “Mano, der Junge, der nicht wusste, wo er war” von Anja Tuckermann. Die Autorin und Journalistin erzählt die wahre Geschichte eines Sinti-Jungen in den Wirren der Nachkriegszeit – die Geschichte von “Mano” Höllenreiner, der als Kind drei Konzentrationslager überlebte, nach dem Krieg nach Frankreich kam, und erst Jahre später seine Familie wiederfand.

“Mano, der Junge, der nicht wusste, wo er war” von Anja Tuckermann ist im Hanser-Verlag erschienen.


Dies ist das Manuskript eines Hörfunkbeitrages, der – leicht gekürzt – am 28.04.2009 im LORA-Magazin von LORA München gesendet worden ist. In diesem Text sind die Kürzungen und einige kleine Änderungen zur besseren Lesbarkeit enthalten.


Reden zum Nachhören

Hans-Rüdiger Minow, Begrüßung: Hans-Rüdiger Minow, Begrüßung

OB Christian Ude: OB Christian Ude, Ansprache

Hans-Rüdiger Minow, Überleitung: Hans-Rüdiger Minow, Überleitung

Margot Kleinberger, Grußwort von Charlotte Knobloch: Margot Kleinberger, Grußwort von Charlotte Knobloch

Margot Kleinberger, eigene Worte: Margot Kleinberger, eigene Worte

Hugo Höllenreiner: Hugo Höllenreiner, Vortrag

Hans-Rüdiger Minow, Abschluss: Hans-Rüdiger Minow, Abschluss