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Black Box BER

Deutschlands peinlichste Baustelle: Der Flughafen “Berlin Brandenburg Willy Brandt”: Sondersendungen im Fernsehen, große Artikel in den Zeitungen – große Aufregung.
Anfang September 2006 wurde mit dem ersten Spatenstich der Bau begonnen, 6 Jahre Bauzeit waren veranschlagt, 7 Jahre sind bereits vergangen, und die Kosten … über die Kosten reden wir heute nicht.

Es ist ja bekannt: Milliarden sind schon verbaut. Und auch die Folgen sind bekannt: Chaos, Baumängel, Planungsfehler, verlorene Investitionen der Flughafengesellschaft und ihres Betreibers und auch bei Gewerbetreibenden, die eigentlich schon über ein Jahr an den Reisenden ihr Geld verdienen wollten.

Da steht er nun, der Flughafen, der schon lange fertig sein sollte, das Prestigeobjekt der Länder Berlin und Brandenburg, das Milliardengrab.

“Der Flughafen ist finanziert, bleibt finanziert und wird am Ende ein Erfolg für die Region werden,” das hat der ehemalige Ministerpräsident von Brandenburg, Matthias Platzeck, noch vor einem Jahr verlauten lassen.

Wie hoch der Preis am Ende sein wird, nicht nur in Geld bemessen, das ließ er offen. Und das kann auch niemand wirklich voraussehen.

Eines aber ist wohl sicher: es wird sehr teuer. Einer der das beurteilen kann, ist Meinhard von Gerkan. Er ist der Architekt, dessen Büro – das Architekten-Büro Gerkan, Marg und Partner: gmp – im Mai 2012 vom Bauherrn des Flughafens als Schuldiger an dem ganzen Desaster angeprangert und gefeuert wurde.

Der Bauherr, dass ist die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH, die den Ländern Berlin und Brandenburg und der Bundesrepublik Deutschland gehört.

Und Meinhard von Gerkan hat ein Buch geschrieben: “Black Box BER”. Ein Buch, in dem er nun – lange hatte er geschwiegen – ausführlich zu den Umständen der Kündigung, den Gründen für das Scheitern des Flughafenprojekts Stellung nimmt. Auch sehr ausführlich äußert er sich zur Problematik des Fluhafenbaus im Allgemeinen und zu der – ja nun wirklich nicht unstrittigen – Frage, warum große Bauprojekte wie Stuttgart 21, die Elbphilharmonie in Hamburg und natürlich der Flughafen in Berlin, … warum so große Bauprojekte es in Deutschland so schwer haben.

Nun, schwer ist leicht was, und “Schwer haben”, das ist natürlich relativ. Es gibt auch die gegenteilige Sicht, dass solche Projekte es – bisher – noch viel zu einfach hatten. Gerade an Stuttgart 21 hat man das ja gesehen, und es war wohl auch viel zu leicht, in Schönefeld Milliarden in den Sand zu setzen.

Viel zu leicht, gerade weil so große Bauprojekte – selbst wenn man ihnen mal einen wirklichen Sinn unterstellt – eben doch viel zu einfach von inkompetenten Politikern ausgekungelt, durchgesetzt und … tja, wie ich schon sagte: in den Sand gesetzt werden können.

Meinhard von Gerkan, am Flughafen BER mit seinem Architektenbüro gmp nicht ganz unbeteiligt, schreibt nun nicht etwa ein Rechtfertigungsbuch um seinerseits die Rote Karte einem anderen zu zeigen, auch wenn er – wenn es um die Kündigung geht – von “Rachegelüsten” spricht.
Immerhin: ca. 300 Mitarbeiter, die Mannschaft des Architektenbüros, eben Architekten, Ingenieure usw. wurden im Mai 2012 von der Baustelle verwiesen.

Mit seinem Buch legt der Autor eine sachliche und ausgewogene Beschreibung des ganzen Problems – auch im Vergleich mit anderen, auch eigenen Projekten vor – und zeigt er auch, wo die Gründe für das liegen, was von Gerkan die “Vermallung” des Fliegens nennt.

Moderne Nomaden, so nennt er die heutigen Flugreisenden, denen mit einem Flughafen eine transitorische Behausung zur Verfügung gestellt werden soll. Eine Vermittlung zwischen Himmel und Erde, aber nicht das allein. Der Ort der Ankunft und des Abflugs sollen dem Reisenden im Gedächtnis haften bleiben: Berlin! Was für ein Flughafen! Was für eine Stadt!

Aber was sind nun die Funktionen eines Flughafens, und wofür braucht man ihn? Für die Regelung der Ankunft und des Abflugs von Maschinen? Die Kontrolle, Abfertigung und Weiterleitung der Reisenden?

“Weit gefehlt”, sagt Meinhard von Gerkan. “Flughäfen”, so schreibt er, “sind mittlerweile zu gigantischen Verkaufsmaschinen geworden. Über die Vermarktung der Gewerberäume – Coffee-Shops, Modeboutiquen, Restaurants und andere Verkaufs- und Büroflächen – soll ein Teil der Betriebskosten gedeckt werden.”

Der Flughafen Berlin-Schönefeld verkümmere auf dieses Weise zu einer Einkaufsmall mit Flughafenanschluss. Dass sind die so genannten “Non-Aviation”-Flächen. Und die gibt’s ja nun auch bei uns in München. Das ist überall so. Und das ist auch der Grund für manch langen Weg, den ein Fluggast zurücklegen muss, bis er durch die “landseitigen” und die “luftseitigen” Verkaufsflächen endlich, endlich am Gate angekommen ist.

Wie auf die konkrete Planung eines Architektenbüros – die besonderen Wert legte auf kurze Wege vom Eingang über Check-In und Sicherheitskontrolle – von Bauherren (am Ende also von der Politik) Einfluss genommen wird, dass zeigt uns von Gerkan am Beispiel eines anderen Flughafens: Hamburg. Am Ende wuchsen dort die Wege auf das dreifache, und führen nun mit Umwegen durch das ganze Shoppingcenter. Dazu mussten während der Bauphase Planungen geändert werden. Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Nerven wurden gebraucht.

Nicht viel anders in Berlin.

Natürlich erfahren wir in dem Buch auch etwas über ein Phänomen, dass in Berlin – wie sicherlich auch in anderen Projekten des Autors – aufgetreten ist (woher sollte der Architekt seine diesbezügliche Erfahrung auch sonst haben): Zuerst werden die Kosten klein gerechnet und später wird es teuer. Warum? Sicher, wenn die Pläne ständig geändert werden, dann ist Rückbau notwendig, dann wird etwas vergessen, dann passt manches nicht mehr wirklich zueinander.

Dem Architekten kann das nicht egal sein; aber er verdient sein Geld auch, wenn das Projekt von geringer Sachkenntnis und Qualifikation begleitet und beaufsichtigt wird. Und wohl auch nicht zuwenig. Aber das ist nicht das Problem.

Das Problem ist, und da hat von Gerkan recht, das Problem ist, dass dieser Skandal und alle ähnlichen, so berechtigt die Aufregung darüber ist, den Blick auf das Wesentliche verstellen. Wesentlich sind die Fehlerquellen, die in Großprojekten – in der Regel in Großbauprojekten – stecken. Fehlerquellen, die geradezu typisch, charakteristisch sind für in demokratisch verfassten Ländern geplante Großprojekte.

Das Kleinrechnen hatte ich schon erwähnt. Die Realität wird in Bezug auf die Geldbeträge verdrängt, erst wahrgenommen, wenn die Kosten explodieren.

Politiker sind nicht schlauer oder besser als wir alle. Aber sie haben Streß – nicht nur in Wahlkampfzeiten (und für manchen Politiker ist ohnehin immer Wahlkampf, würde ich sagen).

Wie oft entscheiden Politiker über Großprojekte, wie kompetent sind sie? Für Bauunternehmer ist das mehr oder weniger das tägliche Brot, ihre Erfahrung ist im Vergleich viel größer.

Und die beiden – Politik und Wirtschaft – sollen hier auf Augenhöhe Verträge schließen? Das geht in keinem Bereich gut. Aber eines ist klar: Wenn gegen alle Erwartungen der Flughafen Berlin doch noch vor Fertigstellung in der Pleite endet, dann werden wir alle ihn retten.
Und die ausgefallenen Löhne und Gehälter der Unternehmer und ihrer Angestellten zahlen. Wenn es – außer Sub- und Sub-Sub-Unternehmern – überhaupt noch Angestellte geben sollte.

“In der Bundesrepublik Deutschland”, so schreibt Meinhard von Gerkan, “zeigt niemand mit einem Finger auf die Landkarte und befiehlt: Hier wird gebaut.”

Ja, so läuft das tatsächlich nicht, das war früher einmal. Aber ob die Interessen und Bedürfnisse der Bevölkerung, von Flora und Fauna ausreichend berücksichtigt werden, in den heutigen so demokratischen Verfahren? Da wurde das Gegenteil ja schon festgestellt.

Aber bitte: Auch ein Entwurfsprozess im Dialog, vom Autor skizziert und empfohlen, wird eines nicht sein: Frieden, Freude, Eierkuchen. Auch hier werden die Projekte Geld kosten, auch hier werden Meinungsverschiedenheiten auszudiskutieren sein, und es wird Fehler geben.
Aber das es machbar ist, wird in dem Buch an Beispielen – aus China und aus Vietnam – verdeutlicht.

In dem Buch “Black Box BER” von Meinhard von Gerkan, im letzten Monat bei Quadriga erschienen, wird – quasi in einer Art soziologischer Fallstudie – für den Laien verständlich und interessant beschrieben, wie es tatsächlich zugeht in unseren großen Bauprojekten und wo in Berlin die Knackpunkte sind und waren.
Und was man ändern kann. Auch die Rolle der Medien – die im Fall des Flughafens bis zur Desinformation geht – beschreibt Meinhard von Gerkan in seinem Buch.

Wer Großbauprojekten grundsätzlich nichts Gutes abgewinnen kann, wird nach der Lektüre kein Befürworter werden, sondern sich z.T. sogar bestätigt sehen. Natürlich, denn das ist nicht das Ziel des Buches.
Es ist ein lesenswertes Buch mit technischen Details nicht im Übermaß, es ist keine Retourkutsche eines Sündenbocks, sondern ein Buch über die Unfähigkeit von öffentlichen Auftraggebern, Großprojekte erfolgreich umzusetzen und über die Gründe für dieses Scheitern.

“Black Box BER” von Meinhard von Gerkan, Quadriga-Verlag, gibt es für EUR 14,99 in jeder Buchhandlung.

Von http://on-air.lucan.org hierher übernommen am 3.09.2015/ml